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Apr
2017
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Ein perfekter Morgen

Der perfekte Morgen? Ich hab ihn erlebt

Sonntagmorgen. 6 Uhr. Der Wecker klingelt.

Seufzend stelle ich ihn aus, die Augen noch geschlossen. Kurz bin ich ärgerlich, dann höre ich jedoch das Zwitschern der Vögel und mache die Augen langsam auf.

Draußen beginnt gerade die Dämmerung, noch ist es eher dunkel.

6.05 Uhr: Meine Uhr vibriert am Handgelenk, der zweite Wecker meldet sich. Schnell schwinge ich mich aus dem Bett und in die Sportsachen. Noch eben ins Bad, dann greif ich zu den Walkingstöcken und es geht los.

Inzwischen ist es etwas heller und im Hausflur begegne ich schon der 80-jährigen Nachbarin.

„Ich hol mir jetzt die Zeitung, die les ich beim Frühstück“ verrät sie mir und freut sich gleichzeitig, mich auch schon so früh auf den Beinen zu sehen.

Draußen ist alles still, kaum ein Auto ist zu hören, niemand ist zu sehen. Nur ein paar Schritte muss ich die Straße entlang, dann bin ich im Grünen.

Bewusst hab ich die Kopfhörer zuhause gelassen und statt Musik oder ein Hörbuch auf den Ohren zu haben, lausche ich nur in die Natur.

Der Morgen gehört mir

Rechts von mir färbt sich der Himmel in vielen Tönen, von Gelb bis hin zu Rot. Noch ist die Sonne nicht zu sehen, aber lange wird es nicht mehr dauern.

Das Gras unter meinen Füßen ist noch feucht vom Tau, die Luft ist frisch, beinahe kalt und doch nicht unangenehm. Ich atme tief ein und wieder aus und freue mich einfach, hier zu sein.

Irgendwo in der Ferne ist ein Schnattern zu hören, etwas näher und doch weit weg bellt ein Hund. Direkt neben mir bearbeitet ein Specht den Baumstamm und alles wird untermalt von einem Chor aus Gezwitscher.

Hin und wieder versuche ich, einzelne Vogelstimmen aus der Menge herauszufiltern, sie bewusster anzuhören, doch das ist nicht leicht. Kaum hab ich eine im Ohr, wird sie auch schon wieder von einer anderen überlagert und so lasse ich los.

Schritt für Schritt geht es vorwärts. Cat Stevens kommt mir in den Sinn und ein Lied setzt sich in meinem Kopf fest.

Morning has broken like the first morning
Blackbird has spoken like the first bird
Praise for the singing
Praise for the morning
Praise for them springing fresh from the world

Es fügt sich perfekt in die Stimmung ein und ich merke, wie ich lächeln muss.

Die Sonne geht auf

Die Hälfte der Strecke ist geschafft, noch ein paar Meter, dann drehe ich um. Zuhause warten Mann und Hund auf mich.

Jetzt hat es auch die Sonne über die Baumkronen geschafft und strahlt mich an. Ich kann sie auf der Haut spüren und lächle noch mehr.

Die Walkingstöcke klappern im Takt, über die Wiese hoppelt ein Hase und das Plätschern des Baches, der neben mir verläuft, wirkt unheimlich beruhigend.

Langsam erwacht auch die Welt um mich herum. Von der nahen Straße höre ich hin und wieder ein Auto und als ich an dem Seniorenheim vorbeigehe, beginnen ein paar müde Frauen gerade ihre Schicht.

Auf dem Feldweg selbst bin ich noch allein. Vor 7.00 Uhr wird hier weder ein Frühsportler noch ein Mensch-Hund-Team beim Gassigehen zu sehen sein.

Das ist ein Grund dafür, warum ich das Walken am frühen Morgen so mag. Die Strecke gehört dann mir. Die Welt gehört dann mir.

Fast daheim

Lange dauert es nicht mehr, bis ich zuhause bin. Im Kopf gehe ich schon mal den Tag durch, überlege was getan werden muss und was liegen bleiben kann.

Gleich danach formulieren meine Gedanken auch schon diesen Text vor und ich spüre ein freudiges Kribbeln, kann es kaum erwarten, ihn über die Tastatur fließen zu lassen.

Der Langsamste, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert, geht noch immer geschwinder, als jener, der ohne Ziel umherirrt.
(Gotthold Ephraim Lessing)

Meine Ich-Zeit ist vorbei. Ich steh vor der Haustür, zücke das Handy und verkünde meiner Lauf-App, dass ich angekommen bin. Sie ist auch gleich so nett und informiert mich darüber, dass ich heute langsamer war als die letzten Male.

Wieder muss ich lächeln, denn vorbei sind die Zeiten, in denen mich das störte. Vorbei ist der Drang, immer besser und schneller zu sein.

Heute freue ich mich einfach. Ich freue mich über jede Minute meiner Ich-Zeit am Morgen und über jeden Schritt, den ich gemacht hab – egal in welchem Tempo.

In der Wohnung empfängt mich schon der Hund, der jetzt seine kleine Runde einfordert. Danach geht’s unter die Dusche und dann erwartet mich der Mann schon mit Brötchen zum Frühstück.

Ganz ehrlich: Perfekter kann ein Morgen für mich nicht sein! Und wenn der Tag schon so startet, bin ich auch bereit, all die kleinen Wunder in ihm zu erkennen.

Bild: Unsplash

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4 Responses

  1. Hallo Nicole,
    ein toller Beitrag von dir. Man sollte doch jeden morgen wert schätzen. Als ich deinen Beitrag gelesen habe, habe ich die ganze Zeit überlegt, wann mein perfekter Morgen war und das ist noch gar nicht so lange her.
    Es gibt nichts schöneres, als von der Sonne geweckt zu werden, die Vögel zwitscher, man reißt die Gardienen auf, lässt die frisch Luft rein und hat einfach nur Lust aufzustehen und das Wetter draußen zu genießen. Ich hoffe wir haben bald wieder die Gelegenheit dazu.
    LG
    SarisKuechenchaos

    1. Nicole

      Vielen lieben Dank! Kann es kaum abwarten, bis das Wetter wieder schöner wird und das raus gehen in der Früh dann auch mehr Spaß macht. Momentan muss ich mich schon ein wenig quälen 😉

    1. Nicole

      Danke lieber Michael! Dann auf in die Natur – die schenkt uns eh die schönsten Momente und die tollsten Wunder, zu jeder Tageszeit

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